Über die Finanzierung des jungen Mittelstandes

17.09.2019 - 16:00

Dr. Kai Flehmig-Pichlmaier, Vorstandvorsitzender der Accelerest AG, erläutert im Interview mit dem Deutschen Gründerverband (DGV) wie das Digitale Ökosystem smartaxxess aufgebaut ist und welche Finanzierungslösungen für Gründerinnen und Gründer und den neuen jungen Mittelstand entwickelt wurden.

DGV: Der Mittelstand ist das Rückgrat der Wirtschaft und unterscheidet sich gegenüber Großunternehmen durch eigenständige Geschäftsmodelle, schlanke Strukturen und eine besondere Unternehmenskultur. Wieso hat die Accelerest AG gerade für den jungen Mittelstand ein digitales Ökosystem entwickelt?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Der Mittelstand hat sicherlich eine eigene Problemlandschaft und eigene Erfolgsfaktoren. Aber innerhalb dieser Gruppe stellen die Existenzgründer, jungen Unternehmer und kleinen KMU´s wiederum ein eigenes Segment dar, das mit ganz anderen Rahmenbedingungen und Anforderungen zu kämpfen hat als der klassische Mittelständler mit einer Umsatzgröße von über 50 Mio. Euro und 300 Mitarbeitern. Für diesen jungen Mittelstand stellt die Finanzierung aktuell ein ganz besonderes Problem dar. 

DGV: Man könnte sich gut vorstellen, dass die Finanzierung dieser jungen Unternehmen keinem allgemein gültigen und standardisierten Prozess folgen wird, da jedes Unternehmen individuelle Voraussetzungen und Anforderungen hat. Wie will das Ökosystem smartaxxess diese Hürde nehmen?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Dies war eine der ganz großen Herausforderungen bei der Entwicklung unseres Ökosystems. Wir haben uns gezielt mit den Stärken und Schwächen dieser Zielgruppe sowie mit den Erwartungen der externen Beteiligten wie Banken und Versicherungen auseinander gesetzt. Dazu haben wir den gesamten Entwicklungsprozess eines neuen Geschäftsmodells in kleinste Module aufgespalten, standardisiert und anschließend neu zusammengesetzt

Aufgrund einer umfassenden, digital gesteuerten Situationsanalyse sind wir in der Lage, die künftigen Ziele, die vorhandenen Ressourcen, identifizierbare Umweltbedingungen und Risiken sowie den aktuellen Kapitalbedarf miteinander kombiniert zu betrachten. Nur so kann für das junge Unternehmen die für die jeweilige Situation passende Finanzierung gefunden werden.

DGV:  Wie findet denn in diesen jungen Unternehmen eine typische Finanzplanung statt? 

Kai Flehmig-Pichlmaier: Man darf diese nicht mit einer übergreifenden Gesamtplanung bei großen Unternehmen vergleichen. Manchmal erscheint die Finanzplanung bei jüngeren Unternehmen nur als ein Nebenprodukt anderer Planungsprozesse. Und dabei fällt dann auf, dass für die Umsetzung des Geschäftsmodells noch externe Finanzmittel benötigt werden. Ja, manche Planung wirkt durchaus etwas hemdsärmlig. 

DGV: Tun sich deshalb Banken bei der Finanzierung dieser jungen Unternehmen so schwer?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Dies ist sicherlich auch ein Grund, aber nicht der einzige. Aus Sicht der Banken ist die Finanzierungsanfrage eines jungen Unternehmens mit sehr viel Verwaltungsaufwand, relativ hohem Risiko und geringer Marge verbunden. Wer täglich ungeprüfte Businesspläne bewerten muss – ob mit oder ohne Berater erstellt – weiß, wie lange es braucht, bis alle notwendigen Informationen in einer akzeptablen Qualität gesammelt und analysiert wurden. 

Die Bank soll dazu das neue Geschäftsmodell bewerten mit Ratingverfahren, die nicht oder nur eingeschränkt hierfür geeignet sind. Über 90 Prozent der eingereichten Businesspläne werden deshalb abgelehnt. Dies resultiert wie gesagt zum einen aus der mangelhaften Qualität der Businesspläne, wie auch aus den wenig effizienten Analyse- und Prüfprozessen der Banken. Man könnte sagen: Im Zweifel besser ablehnen. 

DGV: Wird deshalb immer noch ein großer Bogen um Gastrokonzepte und Fitnessstudios gemacht?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Ja genau, der Aufwand der Analyse und Bewertung ist fast inakzeptabel groß. Wenn jetzt noch eine Förderbank eingespannt werden soll, um die angestrebte Haftungsbefreiung zu realisieren, können schon schnell einmal 3-5 Monate ins Land gehen, Ergebnis offen. 

DGV: Wieso wird das Thema Finanzierung beim Mittelstand so kontrovers diskutiert? In Studien liest man teilweise, dass Mittelständler keine Probleme haben, eine Kreditfinanzierung bei Banken zu erhalten?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Die Unternehmensfinanzierung ist für etablierte und größere mittelständische Unternehmen anders zu bewerten als für jüngere Unternehmen. Unternehmen, die noch keinen oder nur 2-3 Jahresabschlüsse haben, fallen in der Regel durch das Raster. Ähnliches ist von kleinen Betrieben in vermeintlich problematischen Branchen zu hören wie Handwerk.


Außerdem organisieren wir über unser System nicht die übliche Refinanzierungen des laufenden Geschäftes. Unser Angebot fokussiert auf einzelfallbezogene Gründungs- und Wachstumsfinanzierungen. 

DGV: Aktuell haben sich einige Finanzierungsplattformen am Markt gerade in diesem Gebiet der Mittelstandsfinanzierung positioniert. Bedeutet das nicht, dass sich hier auch für junge Unternehmen neue Chancen bei der Deckung ihres Kapitalbedarf ergeben?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Prinzipiell ist es gut, dass durch eine Diversifikation bei den Finanzpartnern eine geringere Abhängigkeit von der Hausbank möglich ist – wobei wir sehen müssen, dass diese bei jungen Unternehmen noch gar nicht besteht. 

Ob Fintech-Plattformen in diesem Markt bestehen können? Ja, sie nehmen den Banken Arbeit ab und übergeben diesen vorgeprüfte Finanzierungsanfragen. Also den Banken, die sich immer mehr aus diesem Markt zurückziehen werden.  Ein leitender Mitarbeiter der Deutschen Bank sagte mir hierzu: „Die machen die gleiche Arbeit wie wir, nur nicht in blauen Anzügen und klimatisierten Räumen.“ Ich kenne viele Berater, die die Finanzierungsanfragen ihrer Mandanten nicht mehr an diese Plattformen weiterleiten, weil sie die Erfahrung machen mussten, dass die Ablehnungsquote zu hoch ist und sich Entscheidungsprozesse – entgegen der Werbung – länger hinziehen können. 

DGV: Wie will smartaxxess das Problem lösen?

Kai Flehmig-Pichlmaier:  Eine Lösung, die einen signifikanten Beitrag zur Stärkung des jungen Mittelstandes in Deutschland leisten kann und ggf. das Gründungsgeschehen unterstützt, basiert nicht auf einem singularen Ansatz, sondern ist das Produkt eines vielseitigen und mehrstufigen Gesamtkonzeptes, um die Unsicherheit im Finanzumfeld nachhaltig zu reduzieren. 

Wir sehen die Begleitung in der Konzept- und Umsetzungsphase durch eine qualifizierte Beraterin bzw. einen qualifizierten Berater, als unverzichtbar an., auch wenn es diesbezüglich andere Meinungen gibt. Der junge Unternehmer braucht nicht jeden Tag eine Beratung an seiner Seite, aber er benötigt einen kompetenten Partner, weil er neben seiner persönlichen Kernkompetenz nicht auch noch Buchhalter, Anwalt und Steuerexperte sein kann und sein muss. 
Um eine hohe Prozesseffizienz zu erzielen, arbeiten beide auf einer Plattform.  Das schafft Transparenz und eine hohe Informationsqualität. 

Ratings besitzen ohne Zweifel eine große Bedeutung für die Bewertung einer Unternehmensfinanzierung. Ein wesentlicher Vorteil unseres Prozesses ist, dass wir über unser Ratingverfahren die Erfolgswahrscheinlichkeit eines neuen Geschäftsmodells messen können und somit auch Risiken identifizieren und entsprechende Vorkehrungen einleiten können.

Natürlich müssen wir, wenn wir von Risiken sprechen, auch über Ausfallrisiken reden. Junge Unternehmen können in der Regel nur sehr begrenzt die üblichen Sicherheiten für Kredite darstellen. Deshalb haben wir ein Risikoabwehrpaket mit Versicherern geschnürt, das auf die Laufzeit und die Kredithöhe abgestimmt ist und die Ausfallrisiken bestmöglich abdeckt. Über unsere eigene Plattform können wir standardisiert und automatisiert mit hoher Effizienz die geforderte Absicherung der Kredite gewährleisten. 

DGV: Kann sich der Jungunternehmer dieses Versicherungspaket auch leisten?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Eine berechtigte Frage. Ja, das kann er. Über eine konsequente Fristenkongruenz von Kreditlaufzeit und Versicherungslaufzeit konnten wir die Jahresprämien in entsprechenden Rahmenverträgen drastisch senken. 

DGV: Nun ist das Geschäftskonzept entwickelt, ein Berater begleitet das Projekt und die Ausfallrisiken sind bestens abgedeckt. Eine Finanzierung hat aber noch nicht stattgefunden. Wie wollen sie das lösen?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Ich ergänze ihre Aufzählung noch um einen Punkt: ein kontinuierliches, vollautomatisiertes Controlling von monatlichen Soll-/Istwerten, ergänzt durch einen 90-Tage Account Check und ein jährliches Re-Rating. 

Wir kennen die Lösung über Fondsinvestments schon bei Start-ups, um den Technologiestandort in Deutschland  zu fördern. Aber es gibt nicht nur Technologieunternehmen im Bereich Life Science, Med Tech oder Bio Tech. Es gibt auch den Reinigungsbetrieb, die Bäckerei und den Schlüsseldienst, die alle unser tägliches Leben leichter machen. Diese Unternehmen haben keinen Zugang zu Wagniskapital. Deshalb werden wir eine Fondsgesellschaft gründen und Die Deutschen Zukunfts-Anlage als Fonds auflegen. Dieser Fonds vergibt Darlehen an junge Unternehmen in Deutschland, die unsere Prozesse durchlaufen haben und auch ohne herausragenden Innovationsgrad für unsere Volkswirtschaft unverzichtbar sind. 

DGV: Das passt ja in das Bild des Social Bankings. Sehe ich das richtig?

Kai Flehmig-Pichlmaier: Wenn sie Social Banking als Entwicklung von Finanzdienstleistungen ansehen, mit denen bei marktüblichen Konditionen und Renditen zu fördernde Gruppen unterstützt werden, dann fühle ich mich mit diesem Bild ganz wohl.